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Am Next Gen Event im April 2025 konnten Andi Burri von Loanboox und Louis Mouwen von der Stadt Schlieren das Thema Finanzierungsstrategie in Workshops mit den Teilnehmer:innen erarbeiten. Dabei wurden Fragen wie die folgenden geklärt:
- Wie können Gemeinden langfristig finanziell sicher aufgestellt sein?
- Warum und wann ist eine Kreditaufnahme sinnvoll?
- Braucht es eine Finanzierungsstrategie, und wenn ja, was gehört dazu?
Das und mehr möchten wir Ihnen in diesem Blogbeitrag nochmals zusammenfassen und näherbringen.
Was ist eine Finanzierungsstrategie?
Eine Finanzierungsstrategie ist ein zwischen der strategischen (z.B. Finanzvorstand) und operativen (z.B. Finanzverwaltung) Ebene abgestimmtes und dokumentiertes Regelwerk. Es dient als Grundlage für alle Entscheidungen rund um die Aufnahme und Verwaltung von Fremdkapital. Typischerweise behandelt und regelt eine Finanzierungsstrategie folgende Bereiche:
- Strukturierung des Fremdkapitals, wie z.B. Staffelung, Volumen und Laufzeiten
- Prozesse und Kriterien zur Offerten Einholung, sowie die Entscheidungsgrundlagen der Vergabe
- Zielgrössen und Toleranzgrenzen von Kennzahlen der Finanzierungsstrategie
- Aufbau der Resilienz gegen die Gefahr kurzfristig kein Kapital zu bekommen
- Berichterstattung und Reporting
- Kompetenzen der involvierten Stakeholder auf strategischer und operativer Ebene
Die Zielgrössen und Rahmenbedingungen der Finanzierungsstrategie sollten idealerweise nicht „aus dem Bauch heraus“ definiert werden, sondern das Resultat einer Kostensimulation sein. Dabei werden verschiedene Finanzierungs-Ansätze des aus dem Investmentplan abgeleiteten Fremdkapitalbedarfs in verschiedenen Zinsszenarien (steigende Zinsen, sinkende Zinsen, etc.) berechnet. Durch den Abgleich der Simulationen mit der aktuellen Ausgangslage sowie den Bedürfnissen des Kreditnehmers kann die passende Strategie objektiv identifiziert und festgelegt werden.
Das Ergebnis: Eine klare, transparente und nachhaltige Finanzierungsstrategie, welche Orientierung bietet, Sicherheit schafft und sowohl einfach überprüft als auch über die Hierarchiestufen kommuniziert werden kann.
Wann braucht es eine Finanzierungsstrategie?
Bei sehr seltenem oder geringem Fremdkapitalbedarf braucht es nicht zwingend eine Finanzierungsstrategie. In diesem Fall kann eine kurze Checkliste ausreichen, welche die wichtigsten anzuwendenden Guidelines definiert.
Eine Finanzierungsstrategie macht hingegen insbesondere dann Sinn, wenn:
- ein erhöhter und längerfristiger Fremdkapitalbedarf besteht, welcher über reine Liquiditätssicherung hinausgeht. In solchen Fällen lassen sich mit einer Finanzierungsstrategie Zinskosten optimieren, Zinsänderungsrisiken langfristig absichern und die Liquidität aktiv bewirtschaften.
- die Professionalisierung der Liquiditätssteuerung sowohl Verwaltungs-intern, im Zusammenspiel mit der Exekutive als auch extern erhöht werden sollte.
- Kompetenzen und Entscheidungsprozesse zwischen der strategischen und operativen Ebene klar geregelt werden sollen, damit im Bedarfsfall rasch und effizient gehandelt werden kann. Dies ist gerade am Kapitalmarkt oft unerlässlich, da „bereit sein“ und Agilität einen grossen Kostenvorteil in Bezug auf Fremdkapitalzinsen bringen können.
Best Practice: So macht man eine Finanzierungsstrategie
Als erster Schritt wird die Ausgangslage analysiert. Dies beinhaltet:
- das bestehende Fremdkapital Portfolio (Anzahl Tranchen, Volumen, Laufzeiten, Zins- und Kreditmargen Konditionen)
- Investitionsplan für die kommenden 5+ Jahre
- Finanzierungs- und Liquiditätsbedarf: Wie viel kann selbst finanziert werden? Wie viel Fremdkapital ist benötigt?
- Bedürfnisse und Rahmenbedingungen (z.B. Risikobereitschaft, Amortisationsvorgaben, Tilgungskapazität, gesetzliche Vorgaben)
- Bewertung der im Team / in der Organisation vorhandenen Zins- und Kapitalmarkt- Kenntnisse und Kapazitäten / Ressourcen für das Thema
- Bestehende Dokumente und Reportingstrukturen
Als nächsten Schritt werden Strategieoptionen und -strukturen entwickelt und durchgerechnet. Dabei werden die definierten Parameter in verschiedenen Zins-Szenarien simuliert und ihre Auswirkungen auf Zinskosten, Tilgungsmöglichkeit, Flexibilität und Risiko verglichen.
Basierend auf der Quantifizierung der Szenarien (Stresstest) wird ein Abgleich mit den Bedürfnissen und Zielen evaluiert, um davon als nächster Schritt die optimale Strategie abzuleiten und festzulegen.
Nun wird die entschiedene Finanzierungsstrategie in einem verständlich und nachvollziehbaren „Strategiedokument“ in Prosa dokumentiert und festgehalten. Dies dient der Transparenz und hilft weiteren Stakeholder, wie z.B. in späteren Jahren dazustossenden Personen, die Überlegungen und Parameter der Finanzierungsstrategie zu verstehen und danach handeln zu können.
Als letzter Schritt wird die Strategie durch die zuständige Exekutive (z.B. der Gemeinde- oder Verwaltungsrat) abgenommen. Danach steht der Umsetzung in die Praxis nichts mehr im Weg. Die abgestimmte Strategie erleichtert fortan auch die Kommunikation zwischen Verwaltung und Exekutive, da die Nachvollziehbarkeit der Strategie mittels Tracking und Reporting regelmässig und effizient aufgezeigt werden kann. Die in der Finanzierungsstrategie definierten Zielkorridore für interne und externe Kennzahlen ermöglichen, dass die Strategie rechtzeitig überprüft und möglicherweise angepasst werden können, wenn sich die Marktverhältnisse strukturell verändern.
Die oben beschriebene Prozessbeschreibung kann in Form eines Flowcharts als Best Practice Ablauf für eine Finanzierungsstrategie visualisiert werden:

Die folgenden Abbildungen zeigt mögliche illustrative Visualisierungen, welche aus der Kostensimulation der Finanzierungsstrategie Optionen resultieren könnten.
- Entwicklung Fremdkapital (Investitionsphase / Tilgungsphase)

- Simulierte Fälligkeitsstruktur der Darlehen

- Zinskostenbelastung über den Simulationszeitraum der verschiedenen Strategieansätze in verschiedenen Zins Szenarien (hoch / tief):

Erste Schritte, die jede Gemeinde sofort umsetzen kann
Auch ohne bereits umfassende Simulationen zu haben können Sie erste wichtige Schritte gehen (Quick-win Checkliste):
Analysieren Sie Ihre Ausgangslage:
- Beschaffen Sie sich einen Überblick über das bestehende Fremdkapital Ihrer Gemeinde
- Ermitteln Sie geplanten Finanzierungsbedarf und Ihre Liquidität
- Halten Sie Ihre internen Zinsmarkt- und Fremdkapitalmarkt Kenntnisse und Ressourcen fest
Definieren Sie einige einfache Grundsätze, z.B.:
- Minimaler Liquiditätspuffer
- Typische Tranchengrösse bei der Fremdkapitalaufnahme
- Grober Prozessablauf und Vorlaufzeiten (z.B. 2-4 Wochen vor Valuta Start mit der Ausschreibung beginnen)
Falls Sie Fragen oder Unsicherheiten haben, ist es empfehlenswert, frühzeitig externe Expertise hinzuzuziehen.
Fazit
Eine durchdachte Finanzierungsstrategie ist mehr als ein theoretisches Konstrukt. Sie schafft Transparenz, reduziert Risiken und sorgt für bessere Entscheidungsfähigkeit. Sie ist damit ein zentrales Element für ein professionelles Finanzmanagement in Gemeinden und öffentlichen Körperschaften, womit zudem die Grundlage geschaffen werden kann, um sehr viel Zinskosten einzusparen.
Dieser Beitrag wurde aus den intensiven Diskussionen und aufschlussreichen Erkenntnissen der Workshops des 5. Next Gen Swiss Public Finance Events am 25. April 2025 inspiriert, das sich dem Thema «Finanzielle Führung im Wandel: KI, Megatrends, Kommunikation und Finanzierungsstrategien» widmete.
Autoren: Andi Buri (Loanboox), Louis Mouwen (Stadt Schlieren)
