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Haben Sie sich schon einmal gefragt, was wäre, wenn ein Erdbeben Ihre Gemeinde erschüttert? Oder wenn Ihre Gemeinde plötzlich ein Vielfaches an Asylsuchenden aufnehmen müsste? Gewiss sind dies Extremfälle – aber auch Sinnbilder für das, womit sich öffentliche Gemeinwesen zunehmend auseinandersetzen müssen: seltene Ereignisse mit grosser Auswirkung auf die öffentlichen Finanzen.
In unseren Projekten mit Städten, Gemeinden und kantonalen Verwaltungen zeigt sich ein klares Muster: Krisen sind Teil unserer Realität. Globale Entwicklungen wirken bis tief in die lokale Ebene hinein. Finanzkrisen, Pandemien oder handelspolitische Entscheidungen entfalten ihre Wirkung über Lieferketten, Arbeitsmärkte, Migration und staatliche Einnahmen in Schweizer Städten und Gemeinden. Was zunächst weit entfernt erscheint, kann sich innert kurzer Zeit in konkreten Herausforderungen vor Ort niederschlagen. Zudem zeigen Naturkatastrophen wie jene von Blatten 2025 und Bondo 2017, dass Grossereignisse auch lokal stattfinden und Schweizer Gemeinden vor grosse Herausforderungen stellen können.
Im Alltag einer öffentlichen Verwaltung bleibt oft keine Zeit, sich mit solchen Ereignissen zu beschäftigen, geschweige denn sich darauf vorzubereiten. Die operativen Aufgaben sind zahlreich, die Personalressourcen knapp, die politischen Erwartungen hoch. Strategische Zukunftsarbeit rutscht nach unten auf der Prioritätenliste, obwohl gerade sie der Schlüssel zu finanzieller Resilienz wäre.
Seit Taleb (2007, 2018) wissen wir, dass es «Schwarze Schwäne» gibt: unvorhersehbare, seltene Ereignisse, die alles auf den Kopf stellen. Doch für die öffentlichen Finanzen sind vor allem jene Ereignisse entscheidend, die grosse Auswirkung entfalten und selten, aber prinzipiell vorhersehbar sind – sogenannte «Drachenkönige». Im Unterschied zu «Schwarzen Schwänen» entziehen sich «Drachenkönige» nicht grundsätzlich der Analyse, sondern kündigen sich über längere Zeit durch schwach erkennbare Muster und Warnsignale an. Beispiele hierfür sind Unterfinanzierungsprobleme, Personalengpässe, politische Polarisierung, Klumpenrisiken oder demografische Verschiebungen. Solche Signale sind an und für sich nichts Ungewöhnliches oder Bedrohliches. Doch treten sie vermehrt auf, können sie sich gegenseitig verstärken und daraus eine Dynamik entstehen lassen, die kaum noch aufzuhalten ist.
Um öffentliche Gemeinwesen dabei zu unterstützen, solche Signale und daraus entstehende Muster frühzeitig zu erkennen, haben wir sechs Dragon-King-Szenarien für die Schweizer Gemeindefinanzen entwickelt. Sie machen sichtbar, dass sich Krisen in den Gemeindefinanzen nichtlinear, dynamisch und teilweise abrupt entwickeln und deshalb mit herkömmlichen statistischen Ansätzen nur unzureichend prognostiziert werden können. Genau deshalb braucht es neben klassischen Prognoseinstrumenten neue, kreative Zugänge zur Zukunftsplanung. Szenariotechniken wie die Drachenkönig-Methode bieten genau das: Sie schärfen das «geistige Abwehrsystem», machen Risiken sichtbar, fördern strategisches Denken und stärken die Handlungsfähigkeit in Stresssituationen.
Die Zukunft lässt sich nicht vorhersagen. Aber man kann sich systematisch und strukturiert auf unterschiedliche Entwicklungen vorbereiten. Drachenkönig-Szenarien sind dabei kein Spiel mit der Angst, sondern ein Werkzeug zur Sensibilisierung, zur Stärkung von Führung, und zur vorausschauenden finanziellen Steuerung. Sie eröffnen neue Denkweisen und Handlungsspielräume, die im hektischen Verwaltungsalltag oft fehlen. Und sie helfen Gemeinden, dort resilienter zu werden, wo es besonders zählt: im Umgang mit dem Undenkbaren.
Um Ihnen den Einstieg in das Szenariodenken zu erleichtern, haben wir eine Anleitung in sechs Schritten entwickelt (ausführliche Informationen zu den einzelnen Schritten finden Sie in der Publikation):
1. Relevantes Thema wählen und auf schwache Signale achten
Beobachten Sie Trends, Kennzahlen, politische Debatten oder Entwicklungen, die sich subtil verändern und auf grössere Veränderungen hindeuten. Oft sind es die kleinen Hinweise, die später grosse Wirkung entfalten.
2. Leitfrage formulieren
Szenarien beginnen mit einer einfachen, aber kraftvollen Frage: «Was wäre, wenn…?» Sie öffnet den Raum für neue Perspektiven und bricht lineares Denken auf.
3. Beobachtungen verknüpfen
Wie beeinflussen sich die Entwicklungen gegenseitig? Welche Kombination könnte zum «Drachen» werden – also zu einem Ereignis mit grosser Wirkung?
4. Szenario als Geschichte erzählen
Verpacken Sie Ihre Analyse in eine kurze, konkrete Geschichte. Das schafft Nähe und macht komplexe Zusammenhänge greifbar.
5. Szenario im Team diskutieren
Laden Sie Kolleg:innen, politische Entscheidungsträger:innen oder Fachstellen ein, das Szenario gemeinsam zu reflektieren. Gemeinsame Reflexion erweitert den Blick und hilft, blinde Flecken zu vermeiden.
6. Handlungsoptionen ableiten
Welche Massnahmen können Sie heute treffen? Welche Reserven, Frühwarnsysteme oder Prozesse wären hilfreich, falls das Szenario eintritt? Szenarien sind kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, um die Handlungsfähigkeit zu sichern.
Krisen und ihre Auswirkungen auf die öffentlichen Finanzen lassen sich nicht verhindern. Aber öffentliche Gemeinwesen können lernen, sich systematisch auf unterschiedliche Entwicklungen vorzubereiten und Krisen besser zu bewältigen, wenn sie eintreten. Szenariodenken wird vor diesem Hintergrund zu einem praktischen Instrument der finanziellen Führung: Es schärft den Blick, stärkt die finanzielle Resilienz und macht Verwaltungen handlungsfähiger, wenn das Undenkbare eintritt.
Hinweis Publikation
Kennen Sie unsere neueste Publikation mit dem Titel «Was wäre, wenn …? Sechs Drachenkönig-Szenarien für die öffentlichen Finanzen». Hier reinschauen und direkt herunterladen.
Autoren: Alma Ramsden (ZHAW) und Lukas Augustin (ZHAW)
