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Die Digitalisierung birgt die Illusion unendlicher Möglichkeiten. Kurzfristige Realität ist, den Umgang mit Daten neu gestalten.
Digitalisierung ist in aller Munde. Doch es herrscht Ungewissheit, wie die Digitalisierung die staatliche finanzielle Führung und Transparenz beeinflusst.
Deborah Agostino, Iris Saliterer und Ileana Steccolini haben deshalb 232 wissenschaftliche Artikel analysiert und ausgewertet und untersucht, welche Erkenntnisse die Wissenschaft bis heute hat. Der Titel Ihrer Publikation lautet:
Der Artikel wurde 2021 im Journal für Financial Accounting und Management publiziert.
So viel vorneweg: Die Autorinnen stossen in ihren Analysen auf wenig konkrete Erkenntnisse aus der Praxis. Die Auswirkungen der Digitalisierung auf Transparenz und Rechenschaft sind oft vage beschreiben, oder als Hypothesen formuliert.
«Interestingly, in most cases, the effects of digital transformation are discussed as being “expected” or are even taken for granted; however, empirical evidence is not necessarily shown to support these claims.» Agostino et al. (2021), Seite 164
Einige Rückschlüsse leiten die Autor:innen dennoch ab.
Die Qualität und Quantität von Daten nimmt zu
Die Autorinnen argumentieren, dass immer mehr und neue Arten von Daten produziert werden. Dazu gehören sowohl finanzielle Daten als auch nicht finanzielle Daten wie Texte, Bilder oder Geodaten.
Zudem sind Daten schneller verfügbar und werden von unterschiedlichen Akteuren erhoben und analysiert.
Dies hat Auswirkungen auf die Datenqualität und Rechenschaft: Die Datenqualität ist schwieriger zu garantieren, wenn die Daten von unterschiedlichen Akteuren produziert, analysiert oder interpretiert werden.
«Digital accountability requires public managers and policy makers to recognize the increasing relevance of new sources of data and their pluralism but also the inherent risks of losing control over their quality when they are heterarchically generated.» Agostino et al. (2021), Seite 161
Die Sicherstellung der Datenqualität (Data Quality Assurance) wird in einem digitalen Umfeld wichtiger.
Datenanalyse wird eine Kernkompetenz
Auch die Datenanalyse («data analytics») und Datenübersetzung («data translation») rücken ins Zentrum des Interesses. Sie werden eine wichtige Kernkompetenz der Verwaltung der Zukunft.
Früher die Rolle von Buchhalter:innen, wird die Datenanalyse vermehrt an Spezialist:innen (Data Scientists) oder selbstlernende Algorithmen ausgelagert.
Dabei stellt sich die Frage, wer die Verantwortung für die Analyseergebnisse und Interpretation übernimmt. Vor allem dann, wenn Algorithmen und künstliche Intelligenz eingesetzt werden, die schwer zugänglich und verständlich sind.
Es stellen sich ethische Fragen, wenn auf Basis von Algorithmen Entscheidungen getroffen werden, die Bürger:innen tangieren.
Digitale Rechenschaft hilft relevanter kommunizieren
Staatliche Rechenschaft erfolgt vermehrt über digitale und interaktive Plattformen. Information wird kanalisiert und auf Zielgruppen ausgerichtet. Zielgruppen erhalten diejenigen Informationen, die für sie relevant sind.
Gleichzeitig werden Bürger:innen und andere Anspruchsgruppen von passiven Konsumenten in eine aktivere Rolle gehoben. Sie können kritisieren, mitwirken, neue Ideen einbringen. Rechenschaft wird zweiseitig, und ist nicht mehr nur einseitig ausgerichtet.
Doch was bedeutet digitale Transparenz in Bezug auf die Inklusion und soziale Gerechtigkeit? Die Bildung von Zielgruppen birgt das Risiko von Informationsdiskriminierung.
Unterschiedliche Informationen an unterschiedliche Gruppen. Ist das transparent? Dazu gibt es noch wenige wissenschaftliche Erkenntnisse:
«Limited evidence exists so far about whether and how digital engagement is actually changing our forms and conceptions of accountability.» Agostino et al. (2021), Seite 165
Einigkeit herrscht jedoch im Punkt, dass aufgrund der digitalen Rechenschaft keine Personengruppen ausgeschlossen werden dürfen. Gerade in Bezug auf Personen mit tieferer «Digital Literacy» und mühevollerem Zugang zu digitalen Informationen kann die Digitalisierung sogar negative Auswirkungen auf die Rechenschaft haben.
Fazit
Die Geschichte dieses Artikels ist, dass die unendlichen Möglichkeiten, welche die Digitalisierung verspricht, in vielerlei Hinsicht noch Illusionen sind. Die Praxis entwickelt sich weniger radikal als angenommen, sondern als laufender, kontinuierlicher Prozess. Insgesamt ist die Auswirkung der Digitalisierung auf die staatliche Rechenschaft und Transparenz noch wenig erforscht.
Die Autorinnen kritisieren auch, dass die digitale Rechenschaft aktuell noch sehr technologiegetrieben ist. Der Nutzen für die Bürger:innen steht noch wenig im Zentrum von digitalen Rechenschaftsprojekten. Sollte er aber.
Denn der Nutzen digitaler Transparenz ergibt sich am Ende des Tages daraus, inwiefern schneller, präziser oder verständlicher mit Bürger:innen kommuniziert werden kann. Aber auch daran, ob Bürger:innen besser an staatlichen Entscheidungsprozessen partizipieren können.
Agostino, D., Saliterer, I., & Steccolini, I. (2022). Digitalization, accounting and accountability: A literature review and reflections on future research in public services. Financial Accountability & Management, 38, 152–176. https://doi.org/10.1111/faam.12301
Autor: Sandro Fuchs (ZHAW)
